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Traumberufen

Warum sich „Träumer“, das neue Buch von Volker Weidemann, wie ein Roman liest.
von Albert Ostermaier
erschienen in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 26. November 2017

Volle Zuversicht erfüllt mich beim Blick in die Zukunft“, hatte Ludwig III., König von Bayern, noch am 28. Juli 1918 in seinen akribisch gestutzten Bart genuschelt, und jetzt, kaum ein halbes Jahr später, stand plötzlich ein anderer Vollbart mit ungleich wilderem, wehendem Haar auf der Theresienwiese mit seiner kleinen, randlosen Brille schutzlos im Wind der Geschichte und rief mit spitzer Stimme, mit glühenden Worten und noch glühenderem Herzen die ihm von überall zujubelnde Masse zur Revolution auf. Zur Revolution! In Bayern!
Noch vor ein paar Minuten hatte Erhard Auer, der Führer der Sozialdemokraten, geglaubt, er hätte alles im Griff, als er von seinem Podium unter der guss- eisernen Bavaria, dieser bayerischen Schicksals-göttin, über die Menschenmenge blickte, die sich da in Massen versammelt hatte, kriegsmüde, ausgemergelt, hungrig nach Brot und Veränderung. All die Arbeiter, Soldaten, Gewerkschafter, Bauern und neugierigen Bürger. Auer hatte dem Innenminister in bester sozial- demokratischer Manier versichert, die Revolution werde nicht ausbrechen, er werde das schon zu verhindern wissen.

Und jetzt das! Als hätte er nicht nur Frieden, sondern Freibier versprochen, jubelt das Volk da unten, statt brav nach Hause zu gehen, von rechts nach links, dem anderen Redner zu, diesem Dichter dort, diesem Juden, Literaten, schwindligen Schwärmer, diesem Intellektuellen, Pazifisten, ja diesem, was von allen fast das Schlimmste ist, Theaterkritiker Kurt Eisner! Hängen an seinen Lippen und folgen ihm, als lüfte er mit seiner Rede den eisernen Vorhang: Bühne frei der Revolution! Eine Tragikomödie in fünf Akten.

Dabei hatten sie doch erst den Märchenkönig beiseitegeschafft und Märchen über seinen Tod im See erzählt, diesen wagnerabhängigen Traumschlossbauern Ludwig II., und dann kommt schon gleich der nächste Träumer frech daher und macht Theater und will mit Beethoven die Welt und, noch viel furchtbarer, das katholische Bayern erretten.

Sind sie denn alle verrückt oder damisch geworden, wie der Bayer sagt? Sonst fielen mit dem Föhn nur die Fallwinde von den Bergrücken herab, jetzt fällt die Monarchie, fallen die Minister, die Ordnung, fallen sogar die Bierpreise, fallen sie dem Reich mit seiner Dolchstoßlegende in den Rücken. Was für ein chaotisches Stück wird denn da aufgeführt, wer rennt denn da alles ungefragt auf die Bühne des Weltgeschehens und redet dazwischen? Woher kommen plötzlich all diese Dichter, Utopisten, Schau- spieler, Pazifisten, Nudisten, Vegetarier, Anarchisten, selbsternannten Propheten, messianischen Metzger und überhaupt Landfremde, wie der mutmaßliche Bayer schimpft, der alleingelassene Auer und der Münchner Bürger, dem vom spitzen Kopf der Hut fällt statt vom Hals der Kopf. Denn wer noch fehlt in der Revo- lutionsrevue, sind die Kommunisten. Sie warten im Bühnenhintergrund auf ihr Stichwort für den großen Auftritt und sind sich mit Marx und Molière angesichts dieser in ihren Augen politischen Dilettanten sicher: „Die lächerlichsten aller Träume sind die Träumereien der Weltverbesserer.“

Doch vorher erfüllen sich die ganzen Schriftsteller, die hier versammelt sind, einen langgehegten und wieder und wieder aufgeschriebenen Traum: dass das Wort zur Tat wird, endlich! Wie dieser Traum ausgeträumt wurde und an den Erschießungswänden endet, erzählt Volker Weidermann in seinem revolutionsbewegten, faszinierenden Buch „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“.

Sie hatten ihn nur für kurze Zeit, für einen kurzen Winter und Frühling der Anarchie. Der Freistaat wird proklamiert, Eisner träumt von der permanenten Demokratie, propagiert die deutsche Kriegsschuld und dokumentiert sie, aber versäumt bei aller Seelenerrettung durch den schönen Geist der Kunst, das Geis- terhafte seiner Politik einzutauschen gegen die triviale Sicherung seiner Macht. Es ist gut gedacht, schön geredet, aber schlecht gemacht. Das Bürgertum bleibt weder entwaffnet, noch wird es enteignet. Man nimmt sich Zeit, die man nicht hat, denn die Zeit arbeitet gegen die Revolution. Eisner ruft Wahlen aus, das Ergebnis ist niederschmetternd, er gewinnt ganze zweieinhalb Prozent. Aufrichtig, wie er ist, entscheidet er sich zurückzutreten. Auf dem Weg zum Landtag, die Rede in der Tasche, wird er von dem hasstrunkenen Antisemiten Graf Arco auf offener Straße erschossen. Danach sieht München den größten Trauerzug der bayerischen Geschichte. Hätten die alle, die da mitmarschieren, ihn gewählt, wäre es anders gekommen. So radikalisieren sich die Verhältnisse, bis schließlich mit Ernst Toller, dem Dramatiker des Revolutionsdramas „Die Wandlung“, der nächste Dichter an die Macht kommt.

Die erste Räterepublik wird installiert, mit so schillernden Kommissaren wie dem Philosophen Gustav Landauer, der die Universitäten allen zugänglich machen will, Gesamtschulen einführen, der die Prügelstrafe abschafft und aus der Räterepublik einen Entwicklungsroman machen will, oder dem Schrumpfgeld-Erfinder und Entwertungsrevolutionär Silvio Gesell. Aber wieder wissen es die
Kommunisten besser und sind nicht dabei, sondern intrigieren, sabotieren, boykottieren. Keine Einheitsfront entsteht, sondern jeder macht Front gegen die Einheit. Wie auch später in seinem Leben wird Toller zwischen all diesen Fronten im Fadenkreuz stehen. Auch er ist Jude, Ostpreuße, und trotzdem jubeln ihm die Massen zu, sind mitgerissen von seinen Reden, seinem Pathos. Zugleich macht er praktische, pragmatische Politik, hört den Menschen zu, rettet Leben, wird sogar, er, der Kriegsgegner, zum Helden der Schlacht um Dachau und dann zum meistgehassten und -gehetzten Gesicht der Revolution.

Ja, er zeigte immer sein Gesicht. Er war nie ein Traumtänzer, aber träumte davon, die Zustände und die schwerfällige Masse Mensch zum Tanzen zu bringen. Doch nach dem Mord an Eisner kommt der Rufmord an Toller und der Putsch der Kommunisten und somit der vierte Akt. Die zweite Räterepublik beginnt und mit ihr der Bürgerkrieg, denn die Gegenregierung flieht nach Bamberg. Dort sammelt sie mit Berlins Hilfe die Truppen gegen dieses Utopia, das scheitern muss. Am 1. Mai 1919 schließlich marschieren 20 000 Mann Reichstruppen und Freikorps aus ganz Deutschland in München ein und machen der Revolution ein blutiges Ende. Und sorgen für eine blutige Zukunft, denn hier sammeln sich nun jene, die den Boden für den Genozid an den europäischen Juden bereiten. All die braven Bürger im „Bürgerbräukeller“, festlich im Sonntagsstaat angetreten für ihren neuen völkischen Staat, der bald folgen und die Bücher der Dichter verbrennen sollte und sie selbst ermorden – wie Erich Mühsam und Landauer. Oder in den Selbstmord treiben – wie Toller 1939. Aber davon wagte 1918, als die Dichter an die Macht kamen, noch niemand zu albträumen.

Das Buch Volker Weidermanns liest sich wie ein Roman, aber es hat keine Gattungsbezeichnung, es erschafft sein eigenes Genre. Es ist ein Roman, weil die Wirklichkeit dieser Räterepublik romanhaft erscheint und alles, was da erzählt wird, am Ende blutige Realität wurde, als die Träume und die Träumer ihre Realität verloren an den neuen braunen Vernichtungstraum der Hauptstadt der Bewegung, die folgte, als die weißen Fahnen das Rot der Ermordeten aufsaugten und braun wurden.

Es ist ein Roman, der von dem immer unsichtbar bleibenden Dichter Ret Marut geschrieben sein könnte, einem unsichtbaren Erzähler, der es immer wieder schafft, unerkannt zu bleiben, und wenn man ihn ergreifen will, flugs zwischen den Zeilen, hinter den Stimmen der andern verschwindet. Ret Marut, der später als B. Traven weltberühmt wurde, der auch dabei war und fast das Leben verlor, ehe er im letzten Moment vor der Erschießung fliehen konnte.

„Träumer“ ist ein Künstlerroman, ein Bildungsroman, ein Entwicklungsroman, ein historischer Roman, ein Kolportageroman, ein Cut-up-Roman, ein Collageroman, ein Abenteuerroman und ein Tat- sachenbericht, aber vor allem auch das: ein Requiem. Oder einfach nur ein verdammt gutes Buch, das uns aufs Sinn-, Hirn- und Augenfälligste deutlich macht, dass Literatur und Politik kein Gegensatzpaar sind, sondern zusammengehören, ob man es will oder nicht. Und dieses Buch ist selbst ein Traum, denn es ermutigt uns zu träumen, dass alles auch anders sein könnte, dass die Welt trotz aller Ernüchterung und Desillusionierung veränderbar bleibt und bleiben muss.

Sie hatten alle diese Sehnsucht, die Dichter, die Volker Weidermann in seinem Buch zu Wort kommen lässt. Und sie waren fast alle da oder kamen in dieses revolutionäre, vom verheerenden, mörderischen Krieg erschöpfte und zugleich aufgeputschte München, das hungerte, fieberte, verzweifelte, wütete, aber auch träumte, von der Freiheit, dem Freistaat Bayern und einer Gleichheit, die sich nicht im Oktoberfest oder dem gemeinsamen Rausch in den Bierkellern erschöpfte.

Es ist kaum zu glauben, wer sich da in München versammelte und im Revoluzzerschritt mit den Revoluzzern mitging: Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam, der ungestüme Oskar Maria Graf, Rainer Maria Rilke, Ret Marut, Klabund, Gustav Regler, Friedrich Freksa, Jakob Haringer, Ernst Toller, und ja, der Leuchtturm Münchens, Thomas Mann und seine Familie.

Volker Weidermann lässt sie, die bayerischen und die Salonlöwen, wie ein Zirkusdirektor alle durcheinanderreden, sich ins Wort fallen, widersprechen, überbrüllen. Er lässt sie durch Feuerringe springen und ihre Mähnen schütteln, fauchen und die scharfen Zähne zeigen. Er ist ein Dompteur und peitscht die Geschichte voran, indem er eine eigene Technik gefunden und perfektioniert hat. Er collagiert nicht nur die verschiedenen Stimmen mit Zitaten aus ihren Romanen, Briefen, Tagebüchern, Augenzeugenberichten, Gedichten und Stücken. Das haben vor ihm auch schon Herbert Kapfer und Carl-Ludwig Reichert in ihrem 1988 erschienenen und, was die Räterepublik betrifft, bahn- und bannbrechenden Buch „Umsturz in München“ gemacht. Nein, Weidermann verdichtet und bündelt sie zu einer Erzählung, indem er die stärksten Stellen auswählt und den quasi unsichtbaren Rest des Zita- tes selbst erzählt und somit zuspitzt.

Das andere kompositorische Meisterstück Weidermanns ist die Integration von und der permanente Gegenschnitt auf Thomas Mann und seine „Betrachtungen eines Unpolitischen“ von seiner Villa im noblen Herzogpark aus, wo er seinen Hals so oft wendet und sich aus der Schlinge seiner Widersprüche win- det, dass es einem schwindlig wird beim Lesen und man, weil man es verdrängt hat, erschreckt ist ob seines damaligen ungezügelten Antisemitismus und seiner verbalen Mordlust. Dieser erzählerische Kunstgriff ist bestechend, denn während auf der einen Seite alles immer unübersichtlicher und chaotischer wird, die Regierungen sich bilden und gestürzt werden, Räte und Republik sich abwechseln, der Bürgerkrieg tobt, ein Bahnhof besetzt wird, Geiseln genommen, Geiseln erschossen werden, Lenin Telegramme schickt und der Berliner Noske seine Killerkommandos, die Weißen und die völkischen Freikorps sich schon nähern – lässt Thomas Mann in seinem Elfenbeinturm wie Rapunzel seine Erzählfäden herunter, mit denen er seine narzisstische Persönlichkeit und die Wirklichkeit umgarnt und einwickelt und nicht merkt, wie der Faden immer röter wird und das Ungeheuer aus dem Labyrinth zieht.

Er kennt sie ja alle, diese Dichter da draußen, sie waren alle bei ihm und er hat, wie bei Toller, ihre Gedichte korrigiert. Er ist mit allen verbunden, aber bleibt unverbindlich, wechselt die Seiten wie Armbinden oder Schuhe. Und selbst sein „Bruder Hitler“, wie ihn der später mutig antinazistische Thomas Mann nannte, war in München, war sogar Soldatenrat und diese erstmalige Verantwortung während der Revolution ein Wendepunkt in seiner Persönlichkeit.

Über die Räterepublik wurde immer gelacht. Es lachten die Realisten, die Rechten und die selbsternannten Rächer. Aber was aus der gesicherten Distanz lächerlich erscheinen mag, war nie zum Lachen, sondern blutiger Ernst. Das zeigt vor allem der letzte Teil von Weidermanns Buch, wenn die Weißen in München einmarschieren und brutal wüten, wahllos echte und vermeintliche Rote an die Wand gestellt, auf offener Straße erschlagen werden oder in Hinterhöfen gemeuchelt wie Gustav Landauer. Wenn der Antisemitismus seine mörderische Fratze zeigt und erahnen lässt, was kommen wird, wenn die Träumer und ihre Träume in Massengräber geschichtet werden.

Weidermanns Dichter hatten einen Traum, den sie Wirklichkeit werden lassen wollten, nicht nur mit der Macht oder Ohnmacht des Wortes. Warum dürfen Politiker Bücher schreiben, aber Dichter nicht an der Macht sein, nicht mal in ihrer Nähe?

Volker Weidermann: „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“.
Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 22 Euro

 

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