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Interview TZ München März 2017 Bayern stoppen „Dann musst du sie vergiften…“

Der Literat Albert Ostermaier ist großer Fan des FC Bayern. Im Interview verrät er, wie er zum Anhänger des Rekordmeisters wurde und warum er versteht, dass die Dominanz der Bayern manchen Fan stört.

Albert Ostermaier (geb. 1967) lebt und arbeitet in München. 1995 erschien sein erster Gedichtband. Im selben Jahr fand die Uraufführung seines ersten Stückes Zwischen zwei Feuern – Tollertopographie im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels statt. Seither gilt Ostermaier als einer der wichtigsten Gegenwartsdramatiker. Von 2006 bis 2008 leitete Albert Ostermaier das Brecht-Festival abc in Augsburg. In seinen Werken widmet sich der bekennende Bayern-Fan auch immer wieder dem Thema Fußball – unter anderem mit Oden an Oliver Kahn, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Thomas Müller. 2014 erschien der Band Flügelwechsel mit Fußballgedichten.

Herr Ostermaier, vor dem Spiel am Samstag gegen Augsburg 13 Punkte Vorsprung – landauf, landab wird über die Dominanz des FC Bayern geklagt. Haben Sie als glühender Bayern-Fan Verständnis dafür?

Ostermaier: Ich habe vollstes Verständnis dafür. Der Thrill in der Meisterschaft ist raus. Als Bayern-Fan bleibt einem da nur der Wunsch, dass die eigene Mannschaft gute Spiele zeigt. Aus einem gesunden Egoismus heraus hoffe ich sogar, dass mit Leipzig und Dortmund wieder eine echte Konkurrenz heranwächst. Die braucht der FC Bayern, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Paris Saint-Germain fehlt diese nationale Konkurrenz beispielsweise.

Und wie kann die Vormachtstellung der Bayern auf ein aus Ihrer Sicht gesundes Maß reduziert werden?

Ostermaier: (lacht) Das Flugzeug mit der Mannschaft entführen! Oder das Essen der Spieler vergiften! Es geht darum, dass andere Klubs ihr Team genauso intelligent und konsequent führen, wie das der FC Bayern seit Jahren tut. Die Dominanz der Bayern nur auf die Finanzkraft zurückzuführen ist ahistorisch. Man hat sich diese Stellung erarbeitet, den Erfolg selbst erschaffen. Im Übrigen sind die anderen auch selbst daran schuld, dass die Bayern in dieser Saison so weit vorne liegen. Bayern war zwischenzeitlich verunsichert, verwundbar. Aber die Konkurrenten konnten das nicht nutzen, ja sie haben in manchen Situationen in einer unglaublichen Art versagt.

Würde es einem Lyriker und Dramaturgen nicht besser zu Gesicht stehen, mit einem Bundesliga-Underdog zu zittern?

Ostermaier: Das wäre sicher romantischer und hätte das Potenzial zum Tragischen. Aber es ist ja keineswegs so, dass man als Fan des FC Bayern nicht leiden muss. Denken Sie nur an die Champions-League-Niederlage 1999 in der Nachspielzeit gegen Manchester United. Oder das verlorene Finale Dahoam gegen Chelsea. Es gibt für den Bayern-Fan auch bittere Momente. Die Trauer nach einem verlorenen Spiel ist genauso groß, wie die beim Anhänger eines kleinen Klubs. Und überhaupt: Sich als Bayern-Fan zu outen, ist doch heutzutage die einzige Provokation, die man noch landen kann. Dabei wissen viele Bayern-Hasser wenig bis gar nichts über die Geschichte des Vereins, dass er beispielsweise eine jüdische Vergangenheit hat. Und wenn ignoriert wird, dass Bayern nicht als reicher Verein begonnen hat, sondern der Reichtum hausgemacht ist, ärgert mich das kolossal.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie zum Bayern-Fan hat werden lassen?

Ostermaier: Ja. Ich bin am Ammersee aufgewachsen. Ich war ein kleiner Junge, als der FC Bayern dort ein Trainingslager abhielt. Bei einer Autogrammstunde hat mir Sepp Maier ein Trikot und seine Torwarthandschuhe geschenkt. Er war für mich fortan eine Lichtgestalt. Ich wollte Nationaltorhüter werden (lacht). Immerhin hat es ja zum Torwart der deutschen Autorennationalmannschaft gereicht. Seit diesem Trainingslager bin ich jedenfalls Bayern-Fan und werde es immer bleiben. Man ist seinem Verein ein Leben lang treu. Auch wenn ich nicht alles gut finde, was der FC Bayern macht. Das alljährliche Wintertrainingslager in Katar verurteile ich aufs Schärfste, auch wenn ich sonst den FC Bayern bis aufs Blut verteidige.

Fußball und Kultur – lange Zeit passte das scheinbar nicht zusammen. Wie reagieren denn die Mitglieder des Literaturbetriebs auf Ihre Fußball-Begeisterung?

Ostermaier: Spätestens seit der WM 2006 gehört der Fußball in Deutschland zum Common Sense. Das Naserümpfen unter den Intellektuellen über diesen vermeintlichen Proletensport gibt es nicht mehr, alle Überheblichkeit hat sich aufgelöst. Was musste ich 2001 noch für Anfeindungen aus dem Kulturbetrieb über mich ergehen lassen, als meine Ode an Kahn veröffentlicht wurde. Wie könne ich nur in dieser hohen Form über Fußball schreiben? Am Anfang meiner schriftstellerischen Karriere dachte ich ja selbst, dass dies mit der Liebe zum Fußball nicht vereinbar wäre und hatte mir Letztere nicht mehr zugestanden. Was für ein Blödsinn! Camus, Beckett, Handke – es gibt genügend Beispiele für fußballfanatische Schriftsteller. Auch hier gilt: You’ll never walk alone.

Wie erklären Sie sich die Faszination, die vom Fußball ausgeht?

Ostermaier: Fußball ist die permanente Wiederholung der Kindheit. Er erinnert einen immer daran, wie man das erste Mal selbst einen Ball am Fuß hatte, an den ersten Stadionbesuch. Der Fußball weckt in mir immer noch die ganz großen Gefühle – trotz der unglaublichen Kommerzialisierung, vor der auch der FC Bayern zu einem Fußballunternehmen mutiert ist. Generell hat man ja den Eindruck, dass die heutigen Fußballprofis am liebsten in Anzügen auflaufen würden. Und dazu die immer gleichen Floskeln, die sie in den Interviews von sich geben. Im Zusammenspiel mit blöden Reporterfragen ergibt das einen Chor an Dummheiten, der nach jedem Spiel über einen hereinbricht. Thomas Müller ist da wohltuend anders.

In literarischer Hinsicht gelten Sie als Brecht-Fan. Der große Sohn der Stadt Augsburg ging gerne zum Boxen, Fußball inte­ressierte ihn nicht…

Ostermaier: Leider. Ich hatte mir das so sehr gewünscht, dass ich sogar einer Fälschung aufgesessen bin – einem angeblichen Brecht-Text, in dem er begeistert über das Meisterschaftsfinale Schalke gegen Hannover 96 schrieb.

Ihr Verhältnis zu Augsburg?

Ostermaier: Seit meiner Kindheit ein sehr enges. Damals bin ich mit meiner Großmutter regelmäßig nach Augsburg gefahren. Später war ich ja als Leiter des Brecht-Festivals in Augsburg tätig. Das war die schönste Zeit in meinem bisherigen Berufsleben, auch wenn das Ende bitter war. Allein die Erinnerung an das ehemalige Café Drexl mit seinen roten Ledersesseln – so stellt man sich doch ein Literatencafé vor. Für mich ist Augsburg cooler als für viele andere Münchner, vielleicht sogar für viele Augsburger selbst.

Wie meinen Sie das?

Ostermaier: Der Augsburger hat so eine masochistische Art, sich in den Schatten von München zu stellen. Dabei ist das überhaupt nicht nötig. Augsburg hat so viel zu bieten, auch in kultureller Hinsicht: die Fugger, Brecht, die Mozart-Familie, die Industriegeschichte. Das müsste nur alles besser miteinander vernetzt werden. Es gibt in dieser Stadt so viele unterschiedliche Facetten aus verschiedenen Zeiten.

Kann der Fußball helfen, das aus Ihrer Sicht mangelnde Selbstwertgefühl des Augsburgers zu steigern?

Ostermaier: Auf jeden Fall. Die Geschichte des FCA ist doch großartig und zeigt, was möglich ist, wenn man zusammenhält. Ich war schon zu Regionalliga-Zeiten beim FCA im Stadion. Der Verein ist immer wieder aufgestanden, auch wenn ihn andere schon abgeschrieben hatten. Er wird seit einigen Jahren ruhig und professionell geführt und taugt absolut als Vorbild für die ganze Stadt und ihre Bewohner. Geht es gegen den FC Bayern, heißt es immer: „Komm, den Münchnern zeigen wir es heute mal!“ Wäre doch schön, wenn sich das auf andere Bereiche übertragen ließe.

Sie haben Oden an Kahn, Schweinsteiger, Lahm und Müller geschrieben. Besteht angesichts der emotionalen Nähe zu Augsburg und dem FCA die Möglichkeit, dass Sie auch einmal einem Augsburger Kicker eine Lobehymne widmen?

Ostermaier: Das ist nicht ausgeschlossen. Dafür muss der Spieler allerdings eine gewisse Fallhöhe vorweisen – wie bei Schweinsteiger, der im Champions-League-Finale gegen Chelsea einen Elfer verschossen hat. Und Ecken und Kanten muss der Spieler haben. Raul Bobadilla ist da beim FCA am nächsten dran. Das ist ein spannender Typ.

Interview: Roland Wiedemann

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