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Interview „Die Welt“ 28.Juni 2015

„Ich halte die Nibelungen für ein Antikriegsepos“ – Für die Nibelungenfestspiele hat Albert Ostermaier den blutrünstigen Sagenstoff neu bearbeitet. „Gemetzel“ heißt sein Stück. Ein Gespräch über die Entgiftung eines von den Nazis missbrauchten Stoffs. Von Eckhard Fuhr
In Worms laufen die Vorbereitungen für die Nibelungenfestspiele auf Hochtouren. Am 31. Juli ist Eröffnung, erstmals unter der Intendanz des Filmproduzenten Nico Hofmann und der künstlerischen Leitung von Thomas Schadt. Zur Aufführung kommt das für die Festspiele geschriebene Stück „Gemetzel“ von Albert Ostermaier. Wir trafen den Autor im Wormser Theater- und Kongresszentrum „Das Wormser“, wo sich das Ensemble zu Leseproben versammelt hat, während vor der Nordfassade des romanischen Doms die Kulissen gezimmert werden.
Die Welt: Herr Ostermaier, in Ihrem Nibelungen-Stück „Gemetzel“ sind ein Narr und ein Kind die Hauptfiguren. Narren und Kindern gesteht man zu, dass sie Wahrheiten aussprechen, die unter vernünftigen Erwachsenen lieber beschwiegen werden. Wollen Sie das Publikum der Wormser Nibelungen-Festspiele in diesem Jahr mit einer völlig neuen Deutung des Sagenstoffes konfrontieren?
Albert Ostermaier: Das Nibelungenlied zeigt unglaublich plastisch, poetisch und präzise, wie eine Gesellschaft in den kriegerischen Untergang geht, weil sie nur das glaubt, was sie glauben will, und wie dadurch ein Verhängnis unerbittlich seinen Lauf nimmt. Ich halte das Nibelungenlied für ein großartiges Antikriegsepos. Bei der Lektüre ist mir klar geworden, dass durch einen Perspektivenwechsel, durch den Blick des Kindes, diese Mechanismen der Selbstzerstörung plastisch herausgearbeitet werden können. Ortlieb, der Sohn Kriemhilds und Etzels, ist naiver Zuschauer der blutigen Ereignisse am Hof des Hunnenkönigs. Am Ende aber auch Opfer. Das erinnert auch an die Rolle von Kindern in heutigen kriegerischen Konflikten.
Die Welt: Ortlieb hilft also dem Zuschauer, selbst noch einmal einen naiven Blick auf diesen Stoff zu werfen?
Ostermaier: Ja, ich dachte dabei an Grimmelshausens Simplizissimus, der inmitten der Gräuel des Dreißigjährigen Krieges so etwas wie kindliche Unschuld bewahrt. Eine solche Haltung möchte ich dem Zuschauer anbieten, der ja mit bestimmten Erwartungen und Vorerfahrungen an den Nibelungenstoff herangeht. Er soll etwas Neues zu sehen bekommen
Die Welt: Warum halten Sie das Nibelungenlied für ein Anti-Kriegs-Epos? Der apodiktisch klingende Titel Ihres Stückes, „Gemetzel“, weist doch eher in eine andere Richtung, in die Richtung eines anthropologischen Pessimismus, der den Krieg als Teil der menschlichen Natur begreift. Die Tragödie ist uns eingeschrieben.
Ostermaier: Es gibt aber immer auch die Hoffnung auf eine Wende zum Guten. Immer wieder kommt die Handlung an Punkte, an denen das Geschehen eine andere Richtung einschlagen könnte. Danach fragt das Kind Ortlieb. Was vom Nibelungenstoff neben der Siegfriedsage im kollektiven Bewusstsein präsent ist, das ist dieses furiose Ende an Etzels Hof, der Untergang in Nibelungentreue bis zum Tod. Das ist jener Mythos, den Göring in seiner Stalingrad-Rede beschwor als Beispiel grenzenloser Opferbereitschaft. Ich lese den Untergang der Nibelungen eher als warnendes Fanal und bin ganz und gar nicht geschichtspessimistisch oder zynisch. Es wird im Epos immer wieder davon berichtet, dass die Krieger erschöpft seien vom Schlachten und Töten. In solchen Momenten scheint die Möglichkeit des Friedens kurz auf.
Die Welt: Ihr Stück „Gemetzel“ spürt nicht nur der Grammatik der Gewalt nach, sondern auch der Grammatik der Geschlechter. Das Mannweib Brünnhilde fordert die Frage nach den Geschlechterrollen geradezu heraus. Aber in „Gemetzel“ werden eigentlich alle Figuren in ihrer Geschlechtsidentität immer diffuser.
Ostermaier: Ich wollte die Figuren aus ihrer Verkrustung durch Tradition und Klischees befreien. In ihnen steckt mehr als die überlieferten Bilder, die man so im Kopf hat. Ich habe das beim Schreiben gemerkt. Die Figuren haben ein „Hinterland“, das auszuleuchten ist. Das Nibelungen-Epos ist aus vielen verschiedenen Erzählschichten zusammengesetzt. Manches passt gar nicht zueinander, Erzählfäden verlieren sich, es gibt unendlich viele Verästelungen. Da ist also noch jede Menge zu entdecken. In der Überlieferung sind die psychologischen Möglichkeiten der Figuren limitiert. Aber man kann ihnen eine Psychologie zumuten. Denn es gibt in dem Stoff nicht nur den Kampf mit den Waffen, sondern auch den Kampf um die ErzählhoheitDie Welt: Sie haben eben vom „Hinterland“ der Figuren gesprochen. Bei Ortlieb ist dieses Hinterland noch nicht allzu groß, denn er ist ja ein Kind. Andererseits, wenn man ihn so reden hört, ist er allerdings auch kein unbeschriebenes Blatt. Die Rhetorik der Gewalt beherrscht er schon. Was ist eigentlich das Kindliche an ihm?
Ostermaier: Mit der Gewalt ist er aufgewachsen und natürlich weiß er, dass er ein Königssohn ist. Aber gleichwohl: Noch hat er den unmittelbaren Blick auf die Welt, diese brutale Neugier, noch ist er nicht fertig mit seinen Urteilen. Und er unterscheidet noch nicht zwischen Fantasien und Wünschen auf der einen Seite und der Realität auf der anderen. Das Erträumte ist für ihn Teil der Wirklichkeit. Er unterscheidet nicht zwischen Fiktion und Realität und damit auch nicht zwischen Theater und Realität. Als Kind hat er sozusagen ein unmittelbares Verhältnis zum Theatralen. Das Kind will wissen, wie das gemacht ist, was hinter dem Vorhang passiert. Und es darf Fragen stellen, deren Konsequenzen es nicht absieht, ähnlich wie der Narr, der das auf einem reflektierteren Niveau tut.
Die Welt: Welche Rolle spielt der Nibelungen-Stoff für Sie persönlich?
Ostermaier: Mich hat der Stoff schon immer angezogen. Es gibt da einen persönlichen Hintergrund. In meiner Kindheit war ich von einem Mann fasziniert, einem Freund meiner Eltern, der aussah wie ein „richtiger“ Siegfried. Den habe ich oft besucht. Er hatte ein Haus wie ein Märchenschloss, baute Marionetten, war ein fanatischer Wagnerianer. Er hatte sich seine eigene Nibelungenwelt aufgebaut und lebte darin völlig isoliert. Er war ein Ritter der traurigsten Gestalt und ist elend an Krebs gestorben. Aber für mich war er jemand, der in seiner Traumwelt aufging.
Die Welt: Bekommt man als Theaterautor nicht auch Bedenken, ob man diesem Stoff, der schon so viele Bearbeitungen erfahren hat, noch etwas Neues abgewinnen kann? Vor einigen Jahren hat Moritz Rinke ein Nibelungenstück für Worms geschrieben.
Ostermaier: Eigentlich muss man sich darüber wundern, dass dieser mächtige Mythos nicht viel öfter bearbeitet wird. Es gibt da eher eine Berührungsangst wegen der nationalsozialistischen Kontaminierung des Stoffes. Für die Popkultur gilt das allerdings nicht. Denken Sie nur an „Der Herr der Ringe“ oder „Game of Thrones“. Die archetypischen Figuren dieses Stoffes sind noch sehr lebendig. Macht, Sex, Gewalt, Gier – das sind überzeitliche Themen.
Die Welt: Sie zeichnen auch für das Rahmenprogramm der Wormser Nibelungen-Festspiele verantwortlich. Welche Akzente wollen Sie da setzen?
Ostermaier: Ich will den mythischen Nibelungenstoff so weit es möglich ist mit der Gegenwart verkoppeln. Ich lade Künstler und Autoren aus aller Welt ein, sich mit diesem Stoff auseinanderzusetzen, von jungen Slam-Poeten bis hin zu Autoren wie Juri Andruchowytsch aus der Ukraine, Rawi Hage aus dem Libanon, Abasse Ndione aus dem Senegal oder Najem Wali aus dem Irak, Leuten also, die aus Bürgerkriegsgebieten kommen. Der Maler Florian Süssmayr stellt Bilder aus Beirut aus. Es wird politische und philosophische Diskussionen geben. Mir kommt es darauf an, dass alle eingeladenen Künstler und Autoren etwas eigens für Worms Gemachtes mitbringen. Das ist zunächst einmal auf drei Jahre angelegt. Und ich werde nächstes und übernächstes Jahr jeweils ein neues Stück liefern.

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